EPISCHE WAHLEN, GELÄHMTE SÜNDENBÖCKE UND WIE MAN ERWACHSEN WIRD

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Bei uns gibt´s in letzter Zeit statt Serien und britischen Vogeldokus, deutsches Wahlkampf-Fernsehen à la carte. Das ist zwar sicher nicht so episch wie die Khaleesi gegen Cersei Lannister, aber Wahlkampf ist ja auch nicht Hollywood und wir ein paar Epochen weiter.

Ich finde, Wahlkampf kann man richtig genießen. Das ist doch spannend! Immerhin bewerben sich die Politiker bei uns Bürgern. DIE sind in der Beweislast, WIR können uns entspannt zurücklehnen und darüber jammern, was DIE alles falsch machen, gemacht haben und machen werden.

Aber packen wir uns doch mal am eigenen Zinken. Was ist unser Beitrag zu der Misere? Denn dass es eine Misere gibt, weiß inzwischen auch der letzte Inselbewohner. Das merkt man nicht nur an der braunen Stimmung.

An jeder Ecke wird betont, wie verunsichert der deutsche Wähler doch sei – in solch unsicheren Zeiten, geplagt von Krieg, Dürre und Hungersnöten in unserem armen, reichen Land. „Wen soll man denn wählen, die sind doch alle gleich, es ändert sich ja eh nix.“ Das sehe ich anders. Nimmt sich der verunsicherte Bürger etwas von seiner Abendbrotzeit und schaut anstatt dumm aus der weichgespülten Wäsche mal kurz in den Wahl-O-Mat oder etwas länger in die Wahlprogramme der Bundestags-Bewerber, werden die Unterschiede der jeweiligen Parteien recht schnell deutlich: Die einen wollen zurück ins barbarische Mittelalter. Die anderen leben satt und zufrieden im Moment und wollen alles so machen wie bisher. Und dann gibt es da noch ein paar, die eins und eins zusammenzählen können und auch ein bisschen an die Zukunft denken.

Aber vielleicht ist es für die Zukunft ja schnurzpiepegal, wer am längeren Regierungshebel sitzt. Vielleicht ist ja sowieso schon alles zu spät. Aus die Maus. Ende Gelände. Dann stellt sich die Frage, wann genau wir untergehen. So ein ganz finales Enddatum müsste doch leicht zu berechnen sein, bei all dem Wissen das wir längst horten. Es macht – finde ich – schon einen Unterschied, ob die Welt in 50 oder erst in 500 Jahren untergeht. Wenn wir das nämlich genau wüssten, dann könnten wir noch mal so richtig die Sau rauslassen. Mit leckeren Billig-Spanferkeln im Schinkenmantel, 1€ Flügen nach Neuseeland und LKW-Sparzulagen für jeden. Alles schön in Plastik verpackt, versteht sich.

Wir könnten aber auch Zeit gewinnen. Die Gewohnheiten ändern. Uns selbst ändern.

Nehmen wir an, wir würden aufhören, ständig Sündenböcke für dies, das oder jenes zu finden. Nehmen wir an, wir würden rauskommen aus unserer passiven, komfortablen Opferhaltung. Raus aus Lethargie, Lähmung und „wird schon irgendwie“.

Wir könnten die Lobbyisten der gierigen Konzerne und skrupellosen Wirtschaften aus dem Bundestag jagen wie Jesus die Händler und Geldwechsler aus dem Tempel. Wir könnten graue Städte grün pflanzen und jedem lautstark applaudieren, der seinen kleinen, stinkenden Abgaspanzer zu Hause stehen lässt. Wir könnten Deutschkurse für alle in Deutschland Lebenden geben, einschließlich der integrationswilligen „Expats“ und lernbegeisterten „Urdeutschen“, und dabei gemeinsam Fairtrade Kaffee trinken. Wir könnten unsere Lustkäufe bei H&M & Co stoppen, und der menschenrechtsverletzenden Fashion-Industrie den Stinkefinger zeigen. Wir könnten rechten Parteien und all ihren wütenden Anhängern kostenlose Bewusstseinsbildungsurlaube in sog. „Entwicklungsländer“ schenken, um ihre engen Horizonte zu erweitern und Realitäten zurechtzurücken. Wir könnten Massentiere gesund streicheln, statt sie aufzuessen, und das Schicksal der deutschen Milchbauern selbst in die Hand nehmen, indem wir einfach weniger Milch saufen. Wir könnten aufhören, uns an das tägliche Schnitzel zu klammern wie ein Alkoholiker an seine Schnapsflasche und tun, was Ökos und intelligente Besserwisser schon seit 20 Jahren predigen.

Wir könnten so vieles. Und dabei Vorbild für die ganze Welt sein. Wenn wir beginnen würden Verantwortung zu übernehmen und unsere Macht als Konsumenten endlich zu nutzen, könnten wir sogar erwachsen werden. 

Dazu gehört übrigens auch, am 24.09.2017 wählen zu gehen. Wir wollen ja nicht ausschließlich den Methusalems und rechten Neandertalern dieses Landes unsere vielleicht doch nicht ganz egale Zukunft überlassen.