UND ALLE SO – ZEN. ECHT JETZT?!

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Wenn man so seinen Insta-Feed runterscrollt, sind immer mal wieder peinliche Ausrutscher dabei. Klar. Geschmäcker sind verschieden und wer wann was wie wo veröffentlicht, kann und soll jeder selbst entscheiden. Doch neulich dachte ich, ich seh nicht richtig. Da postet eine aufstrebende, nicht unbekannte Yogadiva aus Mumbai ein Bild, auf dem sie sich neben einem Mann, der in einem Reisfeld auf Bali arbeitet, in Yogaszene setzt und behauptet, er hätte eine parallel experience, sähe total eins mit dem aus, was er da gerade tue und wäre komplett in peace mit seinem Leben. Damit nicht genug, er wäre in such a zen mode, dass er sie nicht mal beachtete, als sie direkt neben ihm posierte! Danach findet sie eine eher gedängelte Überleitung hin zu – we all can find our inner peace und dass sie, nachdem sie fertig mit Ihrem Fotoshoot war, nun ihr dream life weiterlebt, genau wie auch der Farmer seinen Traum jetzt fortsetztMagical and blissfull.

Echt jetzt?

Ich weiß nicht, wie viele Kräuterstäbchen die Dame inhaliert hat, bevor sie diesen Mist verzapfte und auch nicht, ob das ihr erster Aufenthalt ausserhalb ihres gewohnten Bewusstseinszustands war. Es ließ mich auf jeden Fall nicht vollkommen sprachlos zurück. Energiegeladen, wie ich nun mal bin, wenn ich Mist sehe, hinterließ ich einen Kommentar unter einer Reihe von AwesomesBeautifuls und This is so Zens. Ich schrieb ganz kompakt, dass es ja vielleicht sein könne, dass der Mann gerade hart arbeite während sie hübsch neben ihm posiere. Und dann etwas temperamentvoller, dass sich ihr Gedöns meiner Meinung nach sehr nach privileged upper class thinking anhört. Beinahe hätte ich, so langsam in Fahrt getippt, noch hinzugefügt, dass ich ihr Verhalten dem Arbeitenden gegenüber megarespektlos und unverschämt fände und was sie eigentlich glaube, wer sie sei, besann mich dann aber eines Besseren. Mein Kommentar wurde natürlich nach kurzer Zeit kommentarlos gelöscht. Das verstehe ich. Sah einfach nicht gut aus zwischen all den Lobhudeleien begeisterter Fans und Follower. Übrigens wurde der Kommentar eines anderen Zweiflers, der zart anmerkte, dass Reisfarmer auf Bali ziemlich lange Arbeitszeiten hätten und der hier wahrscheinlich deshalb so Zen aussähe – Zwinker, Zwinker – auch gelöscht. 

Ich möchte nicht behaupten, dass die Dame absichtlich weltfremd dämlich daher postet. Ich möchte auch nicht behaupten, dass jeder zu jeder Zeit im Besitz seiner vollständigen, geistigen Kräfte sein muss, wenn er postet und kommentiert. Ich frage mich allerdings schon, was in den Denkorganen einiger selbsternannter Yogis so vor sich geht.

Wenn ich mir die Entwicklung in den sozialen Medien in den letzten Jahren ansehe, habe ich den Eindruck, da zieht sich selbst eine Generation von verklärten Spiritjunkies heran, die Begriffe wie Yoga, Buddhismus, Healing, Zen, etc. konsumieren wie Glückspillen und dann bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit lautstark auskotzen.

Anstatt die Yogapraxis sinnvoll zu nutzen um ein klareres Bild von sich und der Welt zu bekommen scheinen sich viele mit ihrer selbstkreierten Yogabubbel einzunebeln wie mit Billigparfüm. Das einzig Gute daran, wie ich finde: Es verfliegt relativ schnell.

Deshalb glaube ich fast fest daran, dass, in dem Moment, in dem die hübsche Dame aus Mumbai ihr Bein noch ein bisschen senkrechter in den Himmel strecken kann, ihr der erleuchtende Gedanke kommt, dass man nicht neben einem arbeitenden Reisbauern auf Bali yogaposiert. Nicht, wenn man ein Fünkchen emotionale Reife besitzt. Und vielleicht, ja vielleicht schämt sie sich dann sogar ein bisschen.